Alltagsgegenstände
Alltagsgegenstände #58: Warum der Wecker 300 Jahre auf den Nachttisch warten musste
28. Oktober 2026 · 09:39 Min.
Jetzt anhören
Schon Mitte des 16. Jahrhunderts treibt in Deutschland eine Feder ein Weckwerk an. Trotzdem schießt in London noch um 1930 eine Frau mit dem Blasrohr Erbsen an Fenster, damit Hafenarbeiter pünktlich aufstehen. Der Wecker war längst erfunden. Er war nur viel zu teuer.
Die meisten halten den Wecker für eine geniale Einzelerfindung. Doch jahrhundertelang scheiterte er nicht an der Idee, sondern am Preis der Handarbeit. Erst eine Schwarzwälder Fabrik machte ihn mit Stanzblech und Draht zum Massengerät.
🕰️ Levi Hutchins baute gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen Wecker, der nur um vier Uhr klingeln konnte, und meldete nie ein Patent an.
🕰️ Weil Wecker weder billig noch zuverlässig waren, klopften in Englands Industriestädten bezahlte Knocker-ups für ein paar Pence pro Woche mit langen Stangen an die Fenster.
💡 Arthur Junghans arbeitete in amerikanischen Uhrenfabriken und stellte Schramberg auf normierte Teile um. Ab 1876 lief dort ein Weckerwerk in Serie.
🔬 Statt massiver Triebe griffen die Räder in sogenannte Hohltriebe, die wie das gestanzte Blech Messing und Material sparten.
🚨 Im Zweiten Weltkrieg bekam ein US-Notwecker ein Gehäuse aus gepresstem Faserstoff, weil höchstens zehn statt dreihundert Pfund Messing auf tausend Wecker kamen.
💡 Wolfgang Hilberg meldete 1967 die Funkuhr zum Patent an. In Serie ging sie erst nach Ablauf des Patents, 1985 für 980 Mark.
Den Alltag verändert oft nicht die Erfindung, sondern der Moment, in dem man sie billig bauen kann.
*Hinweis: Diese Folge ordnet historische, technische und gesellschaftliche Zusammenhänge nach bestem Quellenstand ein. Einzelne Details können je nach Quelle unterschiedlich bewertet werden.*
Quellen:
Science Museum Group, 1545-1555, Square table alarm clock, Objekt 1954-186. https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co797/square-table-alarm-clock
New Hampshire Magazine, 2011, Invented Here. https://www.nhmagazine.com/invented-here/
Wikipedia, Knocker-up. https://en.wikipedia.org/wiki/Knocker-up
Wikipedia, Mary Smith (knocker upper). https://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Smith_(knocker_upper)
Auto- und Uhrenmuseum Schramberg, Junghans Weckerwerk 10, museum-digital Baden-Württemberg. https://bawue.museum-digital.de/object/1339
Westclox, Firmengeschichte 1940 bis 1949, clockhistory.com. https://clockhistory.com/westclox/company/documents/history-by-westclox/1940.htm
Auto- und Uhrenmuseum Schramberg, Junghans Tischfunkuhr, museum-digital Baden-Württemberg. https://bawue.museum-digital.de/object/1309
Weitere Folgen aus „Alltagsgegenstände“
- Alltagsgegenstände #59: Warum im Bleistift nie Blei steckte
- Alltagsgegenstände #57: Warum Klebeband nie trocknet und trotzdem hält
- Alltagsgegenstände #56: Dein Ladegerät ist gar kein Ladegerät
- Alltagsgegenstände #55: Der Regenschirm war einmal eine Provokation
- Alltagsgegenstände #54: Die Wärmflasche und der Erfinder, der keiner war
Passend zum Thema
- Alltagsgegenstände #52: Der Post-it war ein Kleber, der versagte · Alltagsgegenstände
- Alltagsgegenstände #51: Die Schachtel, die eine Staatsanleihe abbezahlte · Alltagsgegenstände
- Alltagsgegenstände #47: Socken in Sandalen sind siebzehnhundert Jahre alt · Alltagsgegenstände
- Alltagsgegenstände #50: Der Einkaufswagen wurde erfunden, damit du mehr kaufst · Alltagsgegenstände
- Alltagsgegenstände #41: Die Büroklammer, die verboten wurde · Alltagsgegenstände